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„Ich möchte mit euch Sirtaki tanzen!“: Ein Plädoyer für Weihnachtsfeiern

Mit dem Winter kehrt auch die Zeit der Weihnachtsfeiern ein. Ihnen eilt entweder der Ruf der absoluten Langeweile oder der eines hemmungslosen Besäufnisses, bei dem die Abteilungen gemeinsam auf den Tischen tanzen, voraus. Die „nette“ Feier gibt es natürlich auch. Doch „nett“ ist bekanntlich die kleine Schwester von … – Sie wissen schon. Was sie oft gemein haben: Es wird gemeckert – gerne noch auf der Feier, doch am liebsten danach. Dabei ist es Zeit, sich an die eigene Nase zu packen. Denn es kommt immer darauf an, was man selbst daraus macht. Ein Plädoyer für die Weihnachtsfeier verpackt in einem Erfahrungsbericht.

Um eines vorwegzunehmen, meine Erfahrungen mit Weihnachtsfeiern sind noch sehr begrenzt. Ich habe in meinem Leben erst drei richtige mitgemacht. Bei der ersten war ich noch neu im Unternehmen und fühlte mich etwas deplatziert, auch bei der zweiten wollte nicht so richtig Stimmung bei mir aufkommen. Aber wie das bei Weihnachtsfeiern so ist – irgendwie geht man trotzdem wieder hin. Könnte ja dieses Mal doch gut werden. Und so stand sie wieder an, meine dritte Weihnachtsfeier an einem Dezemberwochenende, an dem es nicht mehr aufhören wollte, zu regnen. Die Stimmung vorher variiert bei mir meistens stündlich. Von „Was mache ich, wenn ich an den Tisch meiner Wahl gehe und kein Platz ist mehr frei? Wie peinlich und frustrierend! Wie eine Ausgestoßene!“ bis „Es wird le-gen-där!“. Diese Gedanken-Extreme setzen sich dann meist auf der Feier noch fort. Am Eingang liegen keine Geschenke aus („Schade!“), aber in der Ecke steht ein Fotoautomat („Wie cool ist das denn?!“). Ich finde im Handumdrehen einen guten Platz im Kreise meiner Kollegen („Juhu! Es wird!“), um dann Minuten später eine enttäuschende Nachricht über den Messenger zu bekommen („Jetzt habe ich keinen Hunger mehr… Und außerdem sitzt man hier sowieso viel zu eng!“). Naja, ans Buffet anstellen, kann man sich ja trotzdem („Sieht ja alles echt lecker aus.“). Ich schaufle mir lustlos etwas Lachs, Rotkohl und Kartoffelröstis auf meinen Teller und denke noch, was das doch für eine komische Kombi ist. Zwischendurch raunt meine Kollegin Jenni rüber, dass sie sowieso nach dem Essen einen polnischen Abgang hinlegen wird („Keine schlechte Idee!“).

War’s das jetzt mit der Weihnachtsfeier?!

In Momenten wie diesen versuche ich mir vorzustellen, wie es ist, wenn ich quasi aus meinem Körper heraustrete und mich selbst von außen betrachte. Mein herausgetretenes Ich sieht das personifizierte, Mundwinkel hängende Emoji. So geht das nicht. Voller Überzeugung sage ich mir: „Ab jetzt wird dieser Abend le-gen-där oder wenigstens nah dran!“ Auf zum Fotoautomaten! Dort „muss“ man sich mit weihnachtlichen Masken, Hütchen & Co. „verkleiden“. Ich mag keine Verkleidungen, aber an diesem Abend liebe ich sie. Nacheinander kann ich meine teilweise noch zögernden Kollegen („Ich setze mir nichts auf, was vorher jemand auf seinem Kopf hatte!“) dazu gewinnen, es mir gleich zu tun. Und wie das so bei Sachen ist, die Spaß machen – man kann nicht mehr aufhören. Immer wildere, abteilungsübergreifende Konstellationen werden gebildet und für die Ewigkeit festgehalten. So muss das sein.

Der Abend schreitet voran, Jenni ist immer noch da und ich erkunde zusammen mit meinen anderen Kollegen den Tanzsaal. Der DJ spielt „die Kulthits der 80er und 90er und das Beste von heute“. Innerliches Seufzen. Auf einmal höre ich mich laut in Richtung Tomas sagen:

„Ich möchte mit euch Sirtaki tanzen!“

Noch vor ein paar Stunden habe ich zu meiner Kollegin Nicole gesagt, ich könne gar nicht so betrunken sein, um jemals auf einer Weihnachtsfeier zu tanzen. Jetzt bin ich fast nüchtern und kann mir nichts Schöneres vorstellen als Arm in Arm beinschwingend die Abteilungen zu einen. Denn genau diese Vorstellung lässt Nicoles, Tomas‘ und meine Augen glänzen. Unter der Bedingung, dass die beiden mit auf die Bühne kommen, möchte ich diesen Wunsch beim DJ wahr werden lassen. „Aber du sprichst!“, verlangt Tomas. Schön, dass man sich mit 30/40 Jahren noch auf solche Regeln verständigen kann. Der DJ will sein Bestes versuchen. Wir stiefeln wieder runter und warten und warten.
Ich muss wieder nach oben – nützt ja nichts. Eindringlich rede ich auf den DJ ein. „Noch zwei Songs!“ deute ich mit Fingern in Richtung Nicole und Tomas. Dann setzt er ein – der Klang der Bouzouki. Euphorisch preschen wir vor die Bühne. Der griechische Kollege ist dabei, meine Kollegin Doro und Kollegen, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Wir legen uns gegenseitig die Arme um die Schultern. Es geht langsam los, wir bilden eine Reihe. Es wird schneller, auf einmal sind wir ein in sich drehender Kreis. Dass wir nicht synchron sind, stört niemanden. Ein außen stehender Kollege feuert uns klatschend an, als wären wir bei einer Tanzmeisterschaft. Ich denke mir „Alter, ist das anstrengend!“. Aber auch „Ich möchte gerade nirgendwo anders sein.“ Das Lied ist zu Ende, der Reigen löst sich auf, der griechische Kollege sagt: „War das schön!“. Und Tomas: „Das ist schon jetzt legendär.“ Mein Wort. Zum Abschied wollen wir noch einmal in die Fotobox. Sie ist von jungen, uns unbekannten Männern besetzt. Sollen wir warten? Manchmal ist das Leben zu kurz dafür. „Jungs, so günstig kommt ihr nie wieder an Bewerbungsfotos!“, ruft Tomas. „Los, wir machen eines zusammen!“. „Jaaaa, Gruppen-Bewerbungsfoto!“, grölen wir uns mit unseren Weihnachtsmann-Masken, Glitzer-Zeug und Schapkas zu. Blitz – das Foto wird ausgedruckt. Einer der jungen Typen sieht es sich an, sieht mich an und sagt mit todernster Miene: „Wenn ich Personaler wäre, würde ich dich einstellen.“ Auf dem Foto trage ich eine goldene Rentierbrille und Rudolphs rote Nase baumelt wie ein dritter Augapfel vor meinem linken Auge, während ich die Lippen zu einem Kussmund versuche zu formen … Ich strahle ihn an, sage danke, so als hielte er meinen Arbeitsvertrag schon in den Händen und denke: „Geht mehr auf Weihnachtsfeiern! Sie können verdammt gut sein.“
Damit sie gelingen, muss man jedoch auch seinen eigenen Teil dazu beitragen und sich folgende Empfehlungen zu Herzen nehmen:

1. Keine überhöhten Erwartungen zu haben, minimiert die Gefahr der Enttäuschung. 2. Genug trinken, um noch entspannter und witziger zu sein, als man es ohnehin schon ist, aber auch nicht so viel, dass die Situation kippt. 3. Die lockere Stimmung und entspannte Atmosphäre als Chance sehen, mögliche Grenzen zu anderen Kollegen zu überwinden. Wer das beachtet, der kann sich auf einen fröhlichen Abend freuen. Cheers.