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„Sorgen können schwimmen“: Darum trinken wir keinen Alkohol

Ein gutes Glas Wein hier, drei Bierchen dort und weil’s so schön ist noch ein, ach ruhig zwei Sambuca als Absacker. Alkohol gehört seit jeher für viele zu einem gepflegten Lifestyle dazu – ist salonfähig und wenig verpönt. Wer dem komplett entsagt, erntet oft irritierte, mitleidige Blicke oder muss sich gar rechtfertigen. Dabei gibt es gute Gründe für den Verzicht. Styles of Hameln hat sechs Leute aus der Region gefragt: Warum trinkt ihr keinen Alkohol?

Im Ranking der gefährlichsten Drogen ist Alkohol auf dem ersten Platz – noch vor Heroin und Crack. Trotz des Wissens über den fiesen Kater, das große Suchtpotenzial und gesundheitliche Langzeitschäden sind Bier, Wein und Schnaps tief in unseren gesellschaftlichen Gepflogenheiten verankert. In unseren Freundeskreisen, in unseren Beziehungen, sogar im Arbeitsumfeld. Nur was, wenn ein verantwortungsvoller Umgang einfach nicht gelingen will? Gibt es überhaupt einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol? Wo liegt die Grenze zwischen Genuss und Sucht? Wie reagiert das Umfeld auf den Verzicht? Ich habe sechs Menschen aus der Region nach den Gründen gefragt, warum sie dem Alkohol mittlerweile oder schon immer entsagt haben:

 

Clement Pfennig, 48, Bielefeld (geb. in Hameln)

Ich genoss es, die Kontrolle über mich zu behalten.

„Ich trinke seit über 21 Jahren keinen Alkohol mehr. Ich habe einfach zu viel getrunken. Ich bin mit jungen Jahren durch den Handballsport mit dem Alkohol in Berührung gekommen und es gehörte damals einfach zum guten Ton, möglichst viel trinken zu können. Mir ging es nach den Alkoholeskapaden immer richtig schlecht – tagelang. Ich habe leider oft über den Punkt hinaus getrunken und dann Szenen durchlebt, an die ich mich danach nicht mehr erinnern konnte. Oder wollte. Kurz vor meiner Prüfung zum ersten Staatsexamen habe ich dann mit dem Trinken aufgehört, um lerntechnisch auf den Punkt fit zu sein. Nachdem ich dann über drei Monate nichts trank, stellte ich fest, dass ein viel befreiterer Umgang mit mir möglich wurde. Ich genoss es, die Kontrolle über mich zu behalten. Ich traf deshalb die Entscheidung, komplett und ohne Wenn und Aber mit dem Trinken aufzuhören. Ein weiterer Grund, ganz auf die Droge zu verzichten war, dass ich innerhalb meines engsten Umfeldes erkennen konnte, was der Alkohol mit Menschen machen kann, respektive wie er das Wesen verändert. Die Erfahrungen, die ich über die Jahre sammeln konnte, lassen sich mit diesem Statement zusammenfassen: Sorgen können schwimmen!
Ich werde sehr oft angesprochen, was der Grund meiner Alkoholabstinenz im jungen Alter von 27 gewesen sei. Ich erkläre mich dann und es folgt daraufhin fast immer ein „Das ist ja echt bewundernswert!“. Ich ernte also ausschließlich sehr viel Lob von meinem Gegenüber. Ich denke mir dann insgeheim, wenn die Abstinenz so dermaßen abgefeiert wird, warum hören dann nicht viel mehr Leute mit dem Trinken auf?“


Rebecca, 29, Hameln

Ich trinke noch nicht einmal alkoholfreien Sekt!

„Ich habe früher gern am Wochenende Alkohol getrunken, aber auch nur, wenn ich Feiern gegangen bin. Ich hatte so einige fiese Abstürze durch Alkohol. Seit 4 Jahren habe ich nicht mal mehr einen Tropfen Alkohol angerührt. Ich habe für mich beschlossen, dass es ja eigentlich völliger Blödsinn ist, Alkohol zu trinken, weil was habe ich denn davon? Spaß? Nein, Spaß kann ich auch ohne das Zeug haben! Anerkennung? Nein, denn Menschen, die mich mögen, akzeptieren mich auch so wie ich bin! Das Einzige, was ich habe, wenn ich Alkohol konsumiere, ist, dass ich mich zur Schau stelle und es durchaus peinlich werden könnte und mich dann im schlimmsten Fall nicht mal dran erinnern kann… Ich trinke noch nicht einmal alkoholfreien Sekt! Ich wurde schon des Öfteren angesprochen und schief angeschaut, dass ich NEIN zu Alkohol sage, auch zu alkoholfreien Sekt oder so, aber wem es nicht passt, der braucht auch nichts mit mir zu tun zu haben. Meine Entscheidung, mein Leben und mein Standpunkt!“


Kiara Anin Hickel, 21, Hameln

Familien werden zerrissen, Menschen werden verloren und Kinderleben werden zerstört.

„Ich finde Alkohol absolut nicht gut. Er schmeckt nicht, die Konsumenten stinken fürchterlich, haben sich meist nicht mehr unter Kontrolle, kotzen sich eventuell die Seele aus dem Leib und sind gar nicht mehr sie selbst. Familien werden zerrissen, Menschen werden verloren und Kinderleben werden zerstört.“


Beate, 52, Rinteln

Ich möchte da nicht wieder hin.

„Ich trinke seit 10 Jahren keinen Alkohol mehr, da ich seither trockene Alkoholikerin bin. Ich war sehr tief im Keller und kenne sehr viele Facetten davon. Ich möchte da nie wieder hin und weiß: Jeder Tropfen kann heute für mich tödlich sein.“


Sebastian Töteberg, 35, Hameln

Ich fand mich selber irgendwann nur noch abturnend.

„Meine Devise mit Alkohol war: Wenn schon, denn schon. Auf Feiern, in der Kneipe, mit Freunden – ich war gut dabei. Aber auch wenn ich (Liebes-)Kummer, Stress oder Streit hatte, griff ich zum Alkohol. Doch damit zogen sich die Probleme nur noch weiter hinaus. Ich fand mich selber irgendwann nur noch abturnend. Wenn ich Ärger mit anderen hatte, dann nur, weil ich zu viel getrunken hatte. Um diesen Teufelskreis zu entgehen, legte ich immer mal wieder eine Pause ein, in der ich nichts trank. Da merkte ich schon: Hey, es geht auch ohne! Also reduzierte ich meinen Konsum immer mehr. Auf Alkohol zu verzichten, war bei mir ein schleichender Prozess. Einen großen Ruck in Richtung vollkommene Abstinenz bekam ich, als ich meine Freundin mit ihrem kleinen Kind kennenlernte. Auf Dauer war das ausgiebige Party-Machen nicht mit dem Familienleben vereinbar. Als ich dann eines Abends mal ausging, sagte ich mir einfach: „Heute trinke ich nichts.“ Das ist jetzt ein Jahr her und dabei bin ich bis heute geblieben. Ich fühle mich seitdem viel fitter und wacher. Und mal ehrlich: Es spart auch eine Menge Geld. Bei vielen Leuten stoße ich mit meiner Abstinenz jedoch auf Unverständnis. „Werd‘ doch mal wieder normal!“, heißt es dann. Auf solche Leute kann ich gut und gern verzichten. Ohne den Moralapostel spielen zu wollen, würde ich mir wünschen, dass mehr Leute öfter auf Alkohol verzichten würden. Wer jedoch bewusst damit umgehen kann, verdient meinen größten Respekt.“


Dennis Pohle, 34, Bad Münder

Ich habe unter Alkoholeinfluss Mist gebaut.

„Ich bin auf die falsche Bahn geraten, hatte viele falsche Freunde und habe unter Alkoholeinfluss Mist gebaut. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich merkte, dass Alkohol keine Lösung ist. Ich wollte ihn einfach nicht mehr trinken.“